Geschichte
Die Geschichte des Turnens in Niederösterreich reicht weit hinter die Gründung des NÖ Turnverbands im Jahr 1953 zurück. Bereits 1818/1819 scheiterte ein Versuch der NÖ Landesregierung - wegen eines von Metternich verhängten Turnverbots - das Turnen in Schulen einzuführen.
Die ersten Turnvereine entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts, inspiriert von der in Deutschland begründeten Turnbewegung rund um den sogenannten "Turnvater" Johann Friedrich Jahn, nachdem Kaiser Franz Josef I. 1861 ("Februarpatent") die Gründung von Turnvereinen überhaupt erst erlaubte. So ist etwa der heute noch aktive ÖTB Krems ab 1848 vier Jahre lang - bis zu seinem Verbot bereits aktiv gewesen - bevor er sich 1862 neu gründete. In diesem Jahr entstanden ÖTB Vereine in Baden, Friesen-Leopoldsdorf und Wiener Neustadt. Mödling, Neunkirchen und St. Pölten folgen 1863. Die Vereine fühlten sich damals sowohl der Leibesertüchtigung verpflichtet, wie auch unterschiedlichen politischen Ideologien, insbesondere im Kontext der Befreiungskriege und später des Nationalismus. Während bald in anderen Sportarten Fachverbände gegründet wurden, verlor man sich im Turnsport in der Folge in Politischem. Begründet lag das in der Zielrichtung, die dem Turnen zugeschrieben wurde. Insbesondere galt die Turnarbeit als "Dienst für Volk und Vaterland", als höheres geistiges Ziel, während im Gegensatz dazu im "Sport" zwecks des Erringens einzelner Erfolge für eigene Höchstleistungen geübt wird. Damit waren der "deutschen Turnkunst" völkisch-erzieherischen Ziele zugeordnet, die durch Training zu erlernenden Kunsttücke (Kunstturnen) waren jedoch etwas gänzlich anderes. Diese Trennung von Turnen und Sport fand sich bis noch weit ins 20. Jahrhundert, zB.: sprachlich in der Bezeichnung der Österreichischen Turn- und Sportunion (heute Sportunion Österreich, oder in der Abkürzung ATUS - Arbeiter Turn- und Sportverein) die Trennung durch unvereinbare Ideologien führte zur Gründung von drei Dachverbänden (ASKÖ, UNION und ASVÖ). (Quelle: Ingolf Wöll)
Die Gründungsjahre in der Nachkriegszeit
Am 26. Juli 1947 schließlich, geprägt durch die Erfahrungen des 2. Weltkrieges, einigte man sich doch ideologieübergreifend zusammenzuarbeiten und gesamtösterreichische Leistungsvergleiche im olympischen Sport Kunstturnen zuzulassen.
Vertreter von UNION und ASKÖ gründeten in Wien den Österreichischen Fachverband für Turnen (ÖFT), heute Turnsport Austria, als Mitglieder wurden auch die beiden Dachverbände vorgesehen. Es folgte die Austragung der 1. Österreichischen Staatsmeisertschaft im Kunstturnen - auch mit Niederösterreichischer Beteiligung. Richard Waldert und Karl Bilas vom ATUS St. Pölten platzierten sich damals im Mittelfeld, Lina Smetana vom ATUS Traiskirchen holte Bronze im Mehrkampf, am Reck und in der Freiübung. Im Folgejahr 1948 konnte Karl Bilas (Bild) weitere Staatsmeisterschaftsmedaillen nach Niederösterreich holen: Bronze am Barren und Silber an den Ringen.
Sechs Jahre später war man auch in Niederösterreich soweit sich organisatorisch einzubringen:

Am 27. Jänner 1953 wurden die Statuten durch die Vereinsbehörde genehmigt, am 13. Mai erfolgte die erste konstituierende Sitzung des Niederösterreichischen Turnverbands. Sitz war damals die Dominikanerbastei Nr. 6 im 1. Wiener Gemeindebezirk, wo auch das Landessekretariat der Sportunion Niederösterreich angesiedelt war. Den Vorsitz übernahm Ludwig Neunteufl (Bild links). Am 7. Mai 1954 fand die 1. NÖ Landesmeisterschaft im Kunstturnen statt, Franz Korherr und Eva-Carolina Posch gingen als erste Landesmeister hervor.
Im selben Jahr wurde bei der 1. Hauptversammlung Erwin Halwax (Bild rechts) zum ersten Präsidenten des Verbands gewählt.
Neue Sportarten in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts
Im Jahr 1965 wurde die Rhythmische Sportgymnastik RSG (heute Rhythmische Gymnastik) im Österreichischen Fachverband für Turnen (heute Turnsport Austria) eingeführt, die 1. NÖ Landesmeisterschaft in der Rhythmischen Gymnastik fand dann 1970 statt, mit der sich Edith Baurek als erste Landesmeisterin in den Annalen des Verbands verewigte.
Nach 18 Jahren wurde bei der Generalversammlung 1972 Fritz Haiden (Bild) zum neuen Präsidenten gewählt. Fünf Jahre später übersiedelte der Verband von Wien nach Niederösterreich in die Südstadt / Maria Enzersdorf.
Bereits in den 80er Jahren wurde von Werner Kulhanek mit ÖLTA (Österreichische Leistungsturnabzeichen) ein Einsteigerprogramm ins Wettkampfturnen für Verein und Schule entwickelt, das sich vom schwierigen Kunstturnen abgrenzen sollte und so einer der ersten Vorläufer für das moderne Turn10® wurde.
1987 löste der St. Pöltner Friedrich Manseder, davor bereits 13 Jahre lang als Schriftführer im Verband tätig, Haiden nach 15 Jahren in der Präsidentenfunktion ab, im Jahr 1990 verlegte der Verband seinen Sitz in die Landeshauptstadt nach St. Pölten, wo er bis heute im Haus des Sports seine Postadresse hat. Die Verlegung des Sitzes erfolgte im Zusammenhang mit der Eröffnung der Niederösterreichischen
Landessportschule (heute als Olympiazentrum unter dem Namen Sportzentrum Niederösterreich etabliert) und der Eröffnung des Haus des Sports, welches als neuer, zentraler Sitz der Landesverbände vorgesehen war. Manseder war es auch, der sich gemeinsam mit Werner Kulhanek für die Errichtung eines Niederösterreichischen Turn-Leistungszentrums einsetzte, wodurch im Sportzentrum eine Kunstturnhalle mit den modernsten Ansprüchen für damalige Zeiten entstand. Sie sollte der "Prime-Sportart" Kunstturnen Konkurrenzfähigheit an die modernen Anforderungen ermöglichen. Mit der Gründung des NÖ Sportleistungszentrums (SLZ) im Jahr 1998 und der Schaffung von Leistungsmodellen wurden die Rahmenbedinungen für den Leistungssport mit Schul-Leistungsmodellen weiter verbessert. Der Turnverband wurde 2001 Mitglied im SLZ und führt seither ein Leistungsmodell für Kunstturnen männlich, Kunstturnen weiblich und Sportakrobatik (LLZT).
Der Turnverband im 21. Jahrhundert
Um die Jahrtausendwende kam es zu einem Boom an Aufnahmen neuer Turnsportarten im Bundesverband. Nach Kunstturnen männlich, Kunstturnen weiblich und der Rhyhtmischen Gymnastik wurde schließlich 1999 die vierte olympische Sportart Trampolinspringen aufgenommen, zeitgleich mit Sportakrobatik und Sportaerobic. Nur ein Jahr später kamen noch das skandinavische Team-Turnen und Rope Skipping dazu.
Am schnellsten ging es in Niederösterreich mit der Sportakrobatik voran. Bereits 1999 fanden die 1. NÖ Landesmeisterschaften in Sportakrobatik statt. Am 1. April 2001 kam dann mit der 1. NÖ Landesmeisterschaft im Trampolinspringen auch diese olympische Sportart in Niederösterreich an und vergab die ersten Landesmeistertitel an Dominik Weiser und Christiane Blaschke. 2002 schließlich startete die Sportaerobic in Stockerau und 2003 Rope Skipping in Groß Siegharts. Die 1. NÖ Landesmeisterschaft in der Sportaerobic wurde 2002 ausgetragen, die 1. NÖ Landesmeisterschaft im Rope Skipping 2004. Team-Turnen konnte in NÖ bislang nicht Fuß fassen.
Viele verschiedene Vereinsprogramme zum Gerätturnen führten nach der Jahrtausendwende dazu, dass sich alle Verantwortlichen zusammenfanden und eine bundesweite Vereinheitlichung diskutierten. 2007 wurde vom Bundesverband Turn10® als erstes bundesweit einheitliches Wettkampfprogramm für Gerätturnen für den Vereins- und Schulsport vorgestellt und 2008 in Niederösterreich eingeführt. Insgesamt 22 Jahre war Manseder für die Geschicke des Landesverbands verantwortlich, bevor er 2009 das Präsidentenamt an den bislang mit ÖLTA und Schulsport bertrauten Gerhard Beitl übergab und 2010 die Präsidentschaft des Bundesverbands übernahm.
Seit 2020 leitet der Strasshofener Wolfgang Lehner als Präsident die Geschicke des Turnverbands. In diesem Jahr gründete das Rope Skipping seinen eigenen Fachverband. 2023 folgte der Niederösterreichische Fachverband für Turnen (NÖFT) der Modernisierungsinitiative des Bundesverbands und änderte seinen Namen auf TURNSPORT Niederösterreich.
Der Turnverband ist heute ein ehrenamtlich geführter Verband, der knapp 80 Mitgliedsvereine zählt und über 18.000 Mitglieder in Niederösterreich vertritt. Die Hälfte aller Wettkampfaktiven sind dem Nachwuchs(leistungs)sport zuzurechnen und 91% aller Wettkampfaktiven sind weiblich, wodurch sich der moderne Turnsport in Niederösterreich heute deutlich jung und weiblich präsentiert. In der Verbandsgeschichte konnten bislang insgesamt 370 Athlet:innen, davon 311 Frauen und 59 Männer einen Staatsmeistertitel erringen.
(Turnsport NÖ, Stand 19. September 2025)
Präsidenten des NÖ Turnverbands
- 1954-1972 Erwin Halwax
- 1972-1987 Fritz Haiden
- 1987-2009 Fritz Manseder
- 2009-2020 Gerhard Beitl
- seit 2020 Wolfgang Lehner
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