Kunstturnen weiblich (OLY)
Willkommen im Portal für alle Fachinformationen und Daten zum Leistungs- und Hochleistungssport Kunstturnen für Mädchen und Frauen in Niederösterreich!
Was ist Kunstturnen?
International wird der Begriff Women's Artistic Gymnastics (WAG) verwendet. Im Deutschland ist der Begriff Gerätturnen Leistungssport gebräuchlich, Österreich und Schweiz verwenden den Begriff Kunstturnen.
Kunstturnen ist der Hochleistungssport an den olympischen Turngeräten für Frauen: Boden, Sprungtisch, Stufenbarren und Schwebebalken.
Es gibt Mannschaftsbewerbe, Einzelmehrkämpfe und Einzelwettkämpfe an jedem einzelnen Gerät. Bei Olympischen Spielen und bei den Welt- und Europameisterschaften, bei Österreichischen Meisterschaften und auch Niederösterreichischen Landesmeisterschaften werden bei den Frauen demnach in insgesamt 6 Bewerben Titel und Medaillen vergeben.
Die höchste Wettkampfklasse heißt bei den Kunstturnerinnen Elite (international: senior) und ist aktuell ab dem Alter von 15 Jahren zu turnen (Jahrgangsregel, es zählt das Jahr in dem die Kunstturnerin 16 Jahre alt wird). Bis 1982 lag die Altersgrenze für eine Senior-Kunstturnerin bei Olympischen Spielen bei 14 Jahren. Es gab Bedenken hinsichtlich des Wohlergehens jüngerer Turnerinnen, da der Sport immer anspruchsvoller wurde und kleinere, leichtere Mädchen bevorzugt wurden. Nach der Änderung gab es weniger untergewichtige, vorpubertäre Teenager im Spitzensport, aber die Diskussion über das optimale Alter für den Leistungssport hält bis heute an.
Mit einem Sieg in der Elite-Klasse kann eine Kunstturnerin Staatsmeisterin werden, analog auf Landesebene Landesmeisterin. Bis zum Erreichen der Elite- bzw. Juniorenklasse werden Kinder- und Jugendklassen ausgetragen, Erstere auf regionaler, Letztere auch auf nationaler Ebene.
Was braucht's?
Gute Kunstturnerinnen zeichnen sich besonders durch eine Vielzahl motorischer Fähigkeiten (Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit, Gewandtheit) und durch ein Höchstmaß an Koordination aus. Hinzu kommt ein hohes Maß an Selbstdisziplin, Durchhaltewille, Eigenmotivation, mentaler Stärke und Mut.
Um an die Spitze gelangen zu können, sollte bereits frühzeitig mit geregeltem zielorientiertem Training begonnen werden. Das optimale Alter, um Gleichgewichts-, Differenzierungs-, Rhythmus- und Reaktionsfähigkeit zu entwickeln liegt in der der Altersspanne zwischen 5 Jahren bis Pubertätseintritt. Im internationalen Kunstturnen wird die höchste Leistung frühestens mit den Teenagerjahren abrufbar (zumindest 8-10 Trainingsjahre vorausgegangen).
Das wöchentliche Trainingsvolumen ist hoch. Für die Nachwuchshoffnungen mit Potential für internationale Wettkampfeinsätze wird in Niederösterreich ein vom Verband österreichischer Nachwuchsleistungssportmodelle (VÖN) gefördertes, begleitendes Schulmodell angeboten (Unterstufe, BORGL und HASCHL für Spitzensport), das den jugendlichen Athletinnen 2x tägliches Training ermöglicht, sodass das für die Entwicklung zur Spitzensportlerin nötige Trainingsvolumen von rund 25 Wochenstunden erreichbar wird.
Auch die Trainingsinfrastruktur benötigt Besonderes: Neben den olympischen Gerätestandards sind eine Vielzahl von Hilfsgeräten für die Entwicklung einer Kunstturnerin erforderlich. Man nennt solche Hallen Kunstturnhallen, sie kennzeichnen sich durch fix installierte Geräte und so genannte "Schnitzelgruben", mit Schaumstoffwürfeln gefüllte Vertiefungen im Hallenboden unter bestimmten Geräten.
Im Sportzentrum Niederösterreich gibt es eine Kunstturnhalle mit fix aufgebauten Kunstturngeräten und einer Schnitzelgrube, welche das vom Landesverband betriebene Landesleistungszentrum (LLZT) nützt. Alle nötigen Geräte, aber nicht fix installiert, inklusive Schnitzelgrube und Bodenfläche in einem Nebenraum gibt es im regionalen Leistungszentrum des ATSV Ternitz. Eine weitere Halle mit fix verankerten Geräten und Schnitzelgrube, aber ohne Bodenfläche betreibt der SV Gymnastics Gänserndorf in seinem regionalen Jugendleistungszentrum Gänserndorf. Eine kleine Halle mit Schnitzelgrube und fix verankertem Stufenbarren gibt es beim ÖTB St. Pölten Jahnturnhalle.
Die Basisausbildung junger Kunstturnerinnen kann mit Adaptionen und kleineren Gerätezukäufen motivierter Vereine allerdings auch in Schulturnhallen stattfinden.
Bewertung:
Die Bewertung einer Kunstturn-Übung erfolgt durch mehrere Wertungsrichter:innen. Die Ausbildung von Kampfrichter:innen erfolgt in Kampfrichter-Kursen (interkontinental, international, national, regional), bei denen eine theoretische und eine praktische Prüfung abgelegt werden muss, um eine Lizenz zu erhalten.
Die Note setzt sich aus dem Übungsinhaltswert, der D-Note (Difficulty), und dem Ausführungswert, der E-Note (Execution), zusammen. Die Summe der beiden ergibt die Endnote.
Der Schwierigkeitswert beinhaltet die 8 schwierigsten Elemente der Kür einschließlich des Abgangs. Die Einstufung der Elemente erfolgt in 10 Stufen mit der Bezeichnung A bis J und einem Wert von 0,1 (A-Teil) bis 1,0 (J-Teil). Zu diesen Elementen kommen pro Gerät noch fünf sogenannte Kompositionsanforderungen (KA), die je 0,5 Punkte wert sind, sowie Verbindungswerte (VW), die nicht zwingend vorgeschrieben sind, aber die D-Note um 0,1 bis 0,2 Punkte erhöhen können. Der Ausführung wird im Verhältnis zur Schwierigkeit deutlich mehr Bedeutung zuerkannt. Am Boden und Balken wird auch die Präsentation der Übung (künstlerischer Wert) berücksichtigt.
Bewertet wird nach den Wertungsvorschriften des internationalen Code de Pointage für WAG sowie dem Österreichischen Wettkampfprogramm für Kinder und Jugendliche, das im Wesentlichen auch den jeweiligen Leistungsstand je Jahrgang vorgibt.
Die im weiblichen Kunstturnen verwendeten Geräte:
Boden:
Neben Abwechslung zwischen schwierigen akrobatischen Elementen und gymnastisch-tänzerischen Elementen spielt am Boden auch die Harmonie zwischen der Bewegung und der Musik eine wichtige Rolle.
Die Übung sollte einen hohen künstlerischen Wert haben; die Choreografie sollte dem Charakter der Musik und dem Typ der Turnerin entsprechen. Die Dauer der Übung darf 90 Sekunden nicht überschreiten.
Die Bodenfläche hat eine Abmessung von 12x12 Metern und besteht aus einer Unterkonstruktion mit einem Sicherheitsfedersystem und einer Auflagefläche von Spezialschaumrollmatten mit Nadelflies-Abdeckung.
Sprung:
Der Sprung beginnt mit einem dynamischen Anlauf von maximal 25m Länge und einem explosiven Absprung vom federnden Sprungbrett. Alle Sprünge erfolgen über die Handstandphase und einem Abdruck von beiden Händen und haben je nach Anzahl an Salto- und Schraubbewegungen verschiedene Schwierigkeitswerte.
Zusätzlich zur technischen und körperhaltungsgemäßen Ausführung des Sprunges zählen auch die Höhe und Weite des Fluges nach dem Abdrücken vom Gerät für die Bewertung: Je höher und weiter, desto besser.
Seit dem Jahr 2001 ist das Sprunggerät bei den Kunstturnbewerben ein Tisch (erfunden wurde dieser vom Österreicher Mag. Helmut Hödlmoser), der 125cm hoch, 95cm breit und 120cm lang ist.
Schwebebalken:
Der Schwebebalken ist 5 m lang und 10 cm schmal. Die wichtigsten Komponenten für das Turnen an diesem Gerät sind eine gut entwickelte Balance und Konzentrationsvermögen.
Eine Übung beinhaltet akrobatische und gymnastische Elemente und Serien mit harmonischen Verbindungen und dauert bis zu 90 sek.
Stufenbarren:
Der Stufenbarren ist eines der spektakulärsten Geräte des weiblichen Kunstturnens und erfordert nicht nur ein hohes Ausmaß an Kraft, sondern auch Konzentration, Mut, Koordinationsvermögen und sekundenbruchteilgenaues Timing.
Der untere Holm hat eine Höhe von 1,65m, der obere Holm 2,45m. Der Abstand zwischen den Holmen kann bis zu 1,80m sein.
Das Turnen am Stufenbarren unterscheidet sich heute bezüglich der gezeigten Elemente kaum mehr von dem der Männer am Reck. Im Laufe der letzten Jahre wurden die beiden Holme immer elastischer und haben nun einen kreisrunden Durchmesser. Eine optimale Übung beinhaltet eine Kombination aus verschiedenen Elementen, wie Flugelementen, Drehungen und Bewegungen über, unter und zwischen den Holmen.
Quelle: Turnsport Austria